Refurbished-IT in der Schweiz: Eine Bestandsaufnahme

Steigende Neupreise, Lieferengpässe und ESG-Vorgaben spielen Refurbished-Anbietern in die Hände. Schweizer Marktteilnehmer bestätigen den Aufwärtstrend mehrheitlich – warnen aber vor Engpässen bei leistungsstarken Geräten und einem anspruchsvollen Einstieg für den Channel.

Artikel erschienen in IT Reseller 2026/04

   

Der europäische Markt für Refurbished-IT hat im vierten Quartal 2025 um 7 Prozent zugelegt. Laut einer im Februar veröffentlichten Studie von Context entwickelt sich Second-Life-Computing zunehmend zum Mainstream. Als Treiber nennen die Analysten Preisdruck, das begrenzte Angebot und die wachsende Bedeutung von Nachhaltigkeit. Lieferengpässe – Stichwort Speicherkrise – sorgen zudem dafür, dass sich im Refurbished-Segment ein Trend hin zu Geräten mit besserer Ausstattung und höherem Wert abzeichnet. Generalüberholte Geräte bieten Einzelhändlern laut Context die Möglichkeit, ihre Margen zu schützen und gleichzeitig die Nachfrage nach erschwinglichen Computern zu bedienen.


Die Schweiz wurde von Context hinsichtlich Refurbished-IT nicht genauer untersucht. Grund genug für «IT Reseller», bei einer Handvoll Schweizer Anbietern von gebrauchter Hardware nachzufragen, ob der Aufwärtstrend hierzulande ebenfalls zu spüren ist.

Schweizer Markt wächst

Adnan Duraki, Geschäftsführer von Top-Hardware, bestätigt, dass der Markt zuletzt angezogen hat. Sein Unternehmen verzeichnete im Bereich Refurbished-Geräte zuletzt ein Wachstum von rund 20 bis 30 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Auch bei Dplan zeigt die Kurve nach oben. Dominik Kargl, Leiter Remarketing und Handel sowie Mitglied der Geschäftsleitung, erklärt, dass sich das Volumen an verarbeiteten Geräten in den vergangenen drei Jahren mehr als verdoppelt habe. GEWA meldet ebenfalls kräftiges Wachstum: «Gegenüber dem Jahr 2024 steigerte sich unser Verkaufsvolumen über 40 Prozent», erklärt Michael Schmelcher, Leiter GEWA Multimedia. Und auch Alina Hinninger, Managing Director E-Commerce bei IT-Store Schweiz – Informatik-profi.ch, berichtet von deutlichem Wachstum: «Der Absatz ist vom dritten zum vierten Quartal 2025 insgesamt um 27 Prozent gewachsen.»

Einheitlich ist das Bild jedoch nicht. Lukas Steimer, Geschäftsführer von Budgetcomputer.ch, erklärt: «Wir konnten keinen markanten Anstieg feststellen.» Das etwas stärkere vierte Quartal 2025 liege im Rahmen der üblichen Schwankungen. Steimer geht davon aus, dass die europäische Marktentwicklung mit zeitlicher Verzögerung in seinem Geschäft ankommt.


Als wichtigste Treiber nennen die Anbieter Preis, Nachhaltigkeit und Verfügbarkeit. Adnan Duraki: «Refurbished-Geräte sind deutlich günstiger als Neugeräte, bieten jedoch in vielen Fällen eine vergleichbare Leistung für typische Büro- und Business-Anwendungen.» Michael Schmelcher spricht von 30 bis 70 Prozent Preisvorteil gegenüber Neuware. «Unternehmen, vor allem KMUs, können damit ihre IT-Kosten deutlich senken und dennoch leistungsfähige Geräte einsetzen.» Zum Thema Nachhaltigkeit führt Duraki aus: «Viele Unternehmen möchten ihre IT-Beschaffung umweltfreundlicher gestalten und die Lebensdauer von Geräten verlängern.» Hinzu kommen die Lieferengpässe bei Neugeräten, die Refurbished-Hardware für viele Unternehmen zur attraktiven Alternative machen.

Michael Schmelcher verweist zudem auf die Professionalisierung des Markts. «Standardisierte Refurbishment-Prozesse, Qualitätsklassen, Garantien und zertifizierte Datenlöschung haben das Vertrauen in gebrauchte IT deutlich erhöht.» Gerade im B2B-Umfeld sei das entscheidend. Lukas Steimer bringt noch einen weiteren Punkt ins Spiel: Viele neue Geräte böten aktuell kaum echte Innovationen. Gleichzeitig seien im Refurbished-Markt vor allem ehemalige Business-Modelle verfügbar, die qualitativ oft deutlich über klassischer Consumer-Ware liegen. Für viele Kunden reiche die Leistung eines «jungen» Refurbished-Geräts von hoher Qualität völlig aus.

Steigende Preise könnten Markt beflügeln

Für die kommenden Monate rechnen mehrere Anbieter mit weiter wachsender Nachfrage nach Refurbished-IT, gerade wenn Neuhardware teurer wird. Adnan Duraki: «Wenn die Preise für neue Hardware – beispielsweise im Speicherbereich – steigen, wird Refurbished-Hardware für viele Unternehmen noch attraktiver.» Auch Alina Hinninger erwartet mehr Nachfrage, vor allem nach leistungsstarken Geräten mit dedizierter Grafikkarte und viel Arbeitsspeicher. Lukas Steimer sieht den Effekt steigender Speicherpreise dagegen begrenzt: «Selbst bei den aktuell hohen Preisen machen die Kosten für RAM und SSD bei einem mittelmässig ausgestatteten Gerät nur einen relativ kleinen Anteil des Neupreises aus.» Und er fügt an: «Im Refurbish-Bereich erhalten wir zudem erst selten Geräte mit DDR5-RAM, da diese Geräte noch relativ jung sind. Gerade diese DDR5-Module sind derzeit besonders knapp.»


Michael Schmelcher erklärt, dass durch die Knappheit neuer Geräte und deren hohe Preise auch die Mengen gebrauchter Geräte zurückgehen werden, was sich in erhöhten Preisen in diesem Segment niederschlägt. Diese Meinung teilt auch Dominik Kargl, der deshalb davon ausgeht, dass die Preise für gebrauchte Hardware aufgrund der höheren Nachfrage steigen werden.

B2B-Geschäft holt auf

Auffällig ist, dass Refurbished-IT in der Schweiz keineswegs nur ein B2B-Thema ist. Das Gros der befragten Anbieter verkauft primär an Privatkunden oder hat dort zumindest den grösseren Anteil. Bei Budgetcomputer.ch ist der Privatkundenanteil laut Steimer «deutlich höher». Auch GEWA verkauft primär an Privatkunden, ebenso IT-Store Schweiz, der sich nach eigenen Angaben «hauptsächlich auf Privatpersonen und kleine Unternehmen spezialisiert hat.»
Gleichzeitig wächst das Geschäft mit Unternehmen sichtbar. Zu den typischen Käufern zählen kleine und mittlere Unternehmen, Start-ups, Schulen, Bildungseinrichtungen und Non-Profit-Organisationen. Michael Schmelcher sagt: «Zu unseren typischen Geschäftskunden zählen insbesondere Non-Profit-Organisationen, Schulen und KMU.» Ähnlich sieht es bei Top-Hardware aus, wo insbesondere eine Nachfrage bei Unternehmen beobachtet wird, die mehrere Arbeitsplätze gleichzeitig ausstatten müssen und dabei ein attraktives Preis-­Leistungs-Verhältnis suchen. Auch Alina Hinninger berichtet, dass ihre Geräte typischerweise von Unternehmen gekauft werden, die möglichst viel aus einem begrenzten IT-Budget herausholen möchten. Sie sieht aber auch Bewegung im Mid- und Enterprise-Segment. «Aktuell stellen wir ein erhöhtes Interesse bei grösseren Firmen mit mehreren hundert Mitarbeitern fest.»


Komplett frei von Nachteilen ist die Beschaffung respektive Benutzung von gebrauchter Hardware allerdings nicht. Lukas Steimer fasst das so zusammen: «Die Nachteile liegen hauptsächlich in kürzeren Garantiezeiten, fehlenden Hersteller-Supportverträgen, etwa in Form von Vor-Ort-Service oder Austausch am nächsten Werktag und eventuell kürzerer verbleibender Software- und Updateversorgung – abhängig vom Alter des Geräts beim Kauf.»

Business-Geräte dominieren

Bei den gefragten Gerätekategorien zeigt sich: Am Markt gefragt ist in erster Linie ehemals professionell eingesetzte Hardware. Adnan Duraki erklärt: «Besonders stark nachgefragt sind Business-Notebooks, Desktop-PCs und Workstations aus dem professionellen Segment.» Auch GEWA sieht eine hohe Nachfrage nach leistungsstarken Business-Notebooks, ergänzt um Workstations, Mini-PCs und Dockingstations. Der Grund liegt auf der Hand: Business-Modelle sind robust, langlebig und oft besser wartbar als Consumer-Geräte.

Gleichzeitig wird der Markt differenzierter. Lukas Steimer beobachtet eine starke Nachfrage nach Convertibles: «Seit einiger Zeit verkaufen wir besonders viele 2-in-1-Convertible-Geräte, zum Beispiel Modelle wie das HP EliteBook x360 oder das Lenovo ThinkPad X1 Yoga.» Hinninger wiederum sieht eine klare Verschiebung in Richtung leistungsfähigerer Systeme: «Aktuell sind PCs mit dedizierter Grafikkarte und viel Speicher sehr gefragt.» Als Topseller nennt sie etwa die HP-EliteBook-Serien. Blickt man über das klassische PC-Geschäft hinaus, sieht Dominik Kargl von Dplan bei Smartphones und Tablets derzeit besonders starkes Wachstum: «Die Kategorie Smartphones und Tablets ist stark wachsend und der Bedarf an Geräten dieser Kategorie steigt stärker an als beispielsweise bei Notebooks.»


Die Verfügbarkeit im Schweizer Markt ist laut den Anbietern derzeit noch vergleichsweise stabil – vor allem bei gängigen Business-Notebooks und Desktop-PCs. Etwas anders sieht es bei neueren High-End-Modellen und speziellen Konfigurationen aus. Gerade leistungsstarke Geräte mit dedizierter Grafikkarte, viel RAM oder besonders neuen Komponenten sind oft knapp, so Michael Schmelcher. Alina Hinninger bestätigt diesen Befund und ergänzt: «Standardgeräte und Geräte mit schwachem Prozessor hat es genügend beziehungsweise fast schon im Überfluss.» Gerade Geräte, die nicht Windows-­11-kompatibel sind, finde man zuhauf, berichtet auch Lukas Steimer. Bei Apple sieht Steimer seit jeher Knappheit. Die Geräte seien Mangelware, was vor allem daran liegt, dass «diese Marke deutlich seltener in den Business-Umfeldern eingesetzt wird, aus denen wir Geräte ankaufen.»

Gute Gründe für Geräteverkauf

Auf der Beschaffungsseite zeigt sich, dass Refurbished-Geräte in der Schweiz in der Regel aus dem B2B-Bereich stammen – aus Unternehmen, Schulen, Leasingrückläufern, IT-Rollouts, Banken und Grossfirmen. Lukas Steimer sagt: «Wir beziehen etwa die Hälfte unserer Geräte direkt von Unternehmen und Schulen.» Der Rest stamme von Zwischenhändlern, grösseren Refurbishern oder IT-Brokern, immer innerhalb der Schweiz. Dplan bezieht die gebrauchte Hardware laut Dominik Kargl ebenfalls «ausschliesslich bei Schweizer Unternehmen», GEWA arbeitet mit Mittel- und Grossunternehmen aus der Schweiz, und IT-Store Schweiz nennt explizit Banken und Grossfirmen als wichtigste Quellen.

Für Unternehmen lohnt sich der Verkauf an Refurbished-Spezialisten vor allem aus drei Gründen: Restwert, zertifizierte Datenlöschung und Nachhaltigkeit. Dominik Kargl betont, dass Daten «nachweislich unwiderruflich gelöscht» würden – in der Regel mit Zertifikat. Auch Lukas Steimer nennt die fachgerechte Datenlöschung als Mittel, um Compliance-Risiken zu reduzieren. Hinzu kommt der Nachhaltigkeitsaspekt. Unternehmen können durch Remarketing und Wiederverwendung Ressourcen schonen, CO2 einsparen und ihre ESG-Ziele unterstützen. Gerade hier setzen einzelne Anbieter zusätzliche Akzente. GEWA etwa verbindet das Refurbished-Geschäft mit einem sozialen Auftrag. Das Unternehmen beschäftigt Menschen in der beruflichen Wiedereingliederung und kann laut Michael Schmelcher «wissenschaftlich validierte Wirkungsstudien» ausstellen, damit Kunden ihr ökologisches und soziales Engagement ausweisen können.


Gerade im Firmenkundengeschäft gewinnen zudem nachgelagerte Services an Bedeutung – etwa Konfiguration, Garantie- und Reparaturleistungen, betriebsbereite Auslieferung oder Lifecycle-Services. Adnan Duraki sagt: «Kunden erwarten heute nicht nur Hardware, sondern auch Beratung, Support und individuelle Konfigurationen.» Darum biete man etwa Speicher- oder SSD-Upgrades sowie betriebsbereite Systeme mit vorinstallierter Software an. Bei IT-Store Schweiz gehören mindestens zwölf Monate Garantie, ein betriebsbereit installiertes Windows 11, eine eigene Hotline, Fernwartung und kurze Reparaturfristen zum Standard. GEWA setzt ebenfalls auf ein Jahr Garantie, ein 14-tägiges Rückgaberecht und eine auf bis zu 36 Monate verlängerbare Absicherung. Dominik Kargl von Dplan spricht gar von einem 360-Grad-Service, den man Kunden biete. Das Unternehmen beschafft auf Wunsch auch Neuhardware, bereitet sie vor, übernimmt den Rollout, begleitet den gesamten Lifecycle und führt die Geräte am Ende wieder dem Refurbished-Markt zu. Hinzu kommen Managed Services und ein Service Desk. Michael Schmelcher bringt den Kern des Themas auf den Punkt: «Nachgelagerte Services haben im Refurbished-Geschäft eine sehr hohe Bedeutung, da sie wesentlich zum Vertrauen der Kunden in gebrauchte IT-Hardware beitragen.»

Einstieg für den Channel anspruchsvoll

Abschliessend wollten wir von den Anbietern von Refurbished-IT noch wissen, welche Bedeutung der Channel in diesem Business hat. Dabei zeigt sich, dass in der Schweiz vielfach noch direkt verkauft wird – über Webshops, eigene Onlineshops oder direkte Endkundenbeziehungen. Budgetcomputer.ch, GEWA und IT-Store Schweiz setzen primär auf Direktvertrieb. Dplan wiederum misst dem Channel dieselbe Bedeutung bei wie dem Direktgeschäft. «Der Channel ist für uns genau so wichtig wie das direkte Kunden-Geschäft», so Dominik Kargl. «Wir kaufen nicht nur direkt bei Schweizer Unternehmen ein, sondern übernehmen das Remarketing auch für viele Partnerunternehmen. So muss nicht jeder IT-Reseller Know-how in diesem Gebiet aufbauen, sondern kann auf unsere langjährige Erfahrung zurückgreifen.» Und Adnan Duraki von Top-Hardware erklärt, dass der Channel zunehmend an Bedeutung gewinne. «Wir arbeiten sowohl direkt mit Endkunden als auch mit Wiederverkäufern zusammen.» Gleichzeitig beobachte man, dass immer mehr klassische IT-Reseller das Thema Refurbished-Hardware für sich entdecken. Das zeige deutlich, dass sich der Markt weiter professionalisiert und sich Refurbished-IT mittlerweile als ernsthafte Alternative zu Neugeräten etabliert hat. Auch Kargl sieht wachsenden Wettbewerb und betont, dass Remarketing «in öffentlichen Ausschreibungen immer öfter ein Thema» sei.

Lukas Steimer verweist darauf, dass sehr viele Anbieter in den Markt einsteigen möchten und man Refurbished-iPhones heute teilweise sogar bei Möbeldiscountern findet; auch grosse Händler wie Digitec/Galaxus führten entsprechende Sortimente – häufig allerdings über Drittanbieter. «Wir wurden ebenfalls angefragt, entschieden uns jedoch, die angebotenen Konditionen – insbesondere bei Versandkosten, Rücksendungen und Garantieleistungen – nicht zu akzeptieren.»


Klar scheint: Refurbished ist kein einfaches Add-on zum klassischen Neugeschäft. Der Markt erfordert spezifische Kompetenzen in Beschaffung, Qualitätskontrolle, Datenlöschung, Garantieabwicklung und Vermarktung heterogener Einzelstücke. Michael Schmelcher formuliert das deutlich: «In der Vergangenheit sind deshalb bereits einige grössere Unternehmen daran gescheitert, nachhaltig in diesen Markt einzusteigen.» Auch Alina Hinninger betont den operativen Aufwand: «Die Umsetzung des Refurbished-Geschäfts ist sehr aufwändig, da durch verschiedene Zustände der Geräte viele Einzelstücke entstehen, wenn diese genau angeschaut werden. Dadurch sind klassische Reseller mit Neugeräten einfacher unterwegs.» (mw)


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